Mittwoch, 20. April 2016

Herzmlich

Weiterführung zum Text: Klemm, Gertraud (2014): Herzmilch. Graz: Droschl/e-book

Bienen summen um die knallroten Klatschmohnblüten, welche im Hintergarten blühen. Mein Bruder und ich versuchen sie einzufangen. Die Eltern sitzen auf der Terrasse und lassen den Samstagmittag langsam vor sich hin ziehen. Endlich einmal Ruhe. Mein Bruder schnappt sich eine Biene, mit der bloßen Hand fängt er sie. Mama hört einen Schrei. Sie wird wieder grantig sein. Ich laufe an der Hausmauer entlang und verschwinde aus dem Blickfeld meiner Eltern.


Ich stehe vor dem Tor. Die Kletterpflanze sucht sich einen Weg empor und bietet den dicken schwarzen Spinnen ein gutes Versteck. Der Reißverschluss meiner gelb leuchtenden Regenjacke ist kaputt, die kalten Wassertropfen laufen mir in den Nacken. Mir ist kalt, meine Hände sind gerötet und neben mir sitzt die Katze. Sie schaut auf, zu mir, wundert sich auf was ich warte. Sie hört ein Rascheln und springt auf, die Mäuse zu fangen, die sie nachher meinen Eltern auf die Terrasse legt. Ein Zeichen ihrer Treue und Dankbarkeit ihnen gegenüber. Mich lässt sie alleine.
Wenn mich jetzt die Mutter findet, dann schneide ich mir die Stirnfransen ab.
Wenn der Kater jetzt wiederkommt, wird mein Bruder sterben.
Ich schäme mich.


Der Vater hat Brötchen mitgebracht. Ausnahmsweise. Der Tag bei der Arbeit lief gut. Er ist gut gelaunt und heute essen wir gemeinsam Abendbrot. Die kohlrabenschwarzen Kürbiskerne auf den Brötchen knacken, wenn man auf sie beißt. Der Geschmack ist neu. Noch nie habe ich Kürbiskernbrötchen gegessen.
Mein Kleid riecht nach künstlichem Lavendel. Die Mutter hat ein neues Waschmittel gekauft, das alle alten Erinnerungen auslöscht. Vater erzählt weiter von seinem guten Tag. Aber niemand hört ihm zu. Die Mutter ist grantig. Der Großvater ist am Telefon. Wir schlagen uns gegenseitig unter dem Tisch die Füße und Beine und unterdrücken unser Lachen. Vater und Mutter bemerken nichts von unserem Spiel, von unserem hin und her, welches von der langen gelb-braun-karierten Tischdecke verdeckt wird.
Die Mutter ist in Eile. Es ist spät. Der Vater hat Schuld, dass wir wieder spät ins Bett kommen. Zu wenig Schlaf tut uns nicht gut. Wir müssen schlafen, damit wir schlau werden. Damit wir wachsen und gesund und Alt wie Großvater werden. Vielleicht bekommen wir dann auch die schönen Himbeeren zu essen. Vielleicht werden die schönsten und saftigsten für uns aufgehoben. Vielleicht schäme ich mich dann nicht mehr. Vielleicht habe ich mich dann schon oft genug etwas anderem gewidmet und habe den Scham so überlisten können. Vielleicht meint der Scham dann immer noch mich zu bemächtigen, vielleicht meint er immer noch tief in meinem Bauch zu wohnen. Vielleicht meint er immer noch aus dem Schlund zu krabbeln und meine Gedanken zu besetzen.


Amseln sitzen auf der feuchten gelbgrünen Wiese, auf die ich von meinem Zimmer aus blicken kann. Wenn sie mich sehen, sind sie sicher verschreckt. Eine hat einen Wurm gesehen der, vom Regen angelockt, sich hinausgewagt hat. Sein langer Körper liegt da, bloßgestellt, wartend nur verschlungen zu werden. Einmal habe ich einen Wurm gegessen. Es war ein warmer Tag. Würmer wachsen nach, sagt man. Bei mir blieb der halbe Wurm aber nur leblos im Gras liegen. Ich schämte mich.


Ich wachse auf in den Pausen meiner Eltern. Ich laufe neben dem Leben der Eltern her. Die warten nicht, bis ich mir alles ganz genau angesehen habe. Die ziehen mich weiter.


Ich möchte gerne wissen, wie das ist wenn die Welt sich verändert. Wenn alle zum selben Zeitpunkt entscheiden, man schaffe es zu nichts. Wenn der eigene Körper zu groß, zu klein, zu tollpatschig wird. Ich möchte gerne wissen wie sich die Schuhe der Mutter an den Füßen anfühlen. Die schwarzen mit den hohen Absätzen die sie nur anzieht, wenn es etwas ganz Besonderes gibt. Nicht für meinen Bruder und mich. Für Vater oder für Freunde. Wenn wir daheim bleiben bei den Tanten. Ich möchte wissen, wie es ist, sich die Haare selber zu schneiden. Ich möchte wissen, wie es ist, selber zu entscheiden wann ich in Eile bin und wann in Ruhe. Ich möchte die Mutter fragen, wann sie zum ersten Mal die Käfer im Garten nicht mehr interessant fand.


Montag, 29. Februar 2016

Neue Berge

Der erste Eindruck war trist. Es schneite. Es schneite sehr viel. Schon die Zugfahrt hatte dieses "in einen Tunnel fahren" Gefühl in sich. Von der herrlichen Aussicht auf die Schweizer Alpen, weiter durch die Berge, etwas verschneit, dann etwas am schneien. Kleine Flocken die sacht zur Erde gleiten. Die Tannen auf den Bergen halten den weißen Mantel um sich, große Schneeflocken. Sehr große Schneeflocken. Das Licht am Himmel nahm ab, das weiß wurde zum grau, zum schwarz. Nur das Licht erleuchtet die Schneeflocken. Die vier ersten Tage waren grau, regnerisch, schneierisch, grauerisch. Aber dann, Freitag, ein Stückchen blauer Himmel. Nur wenig Minuten, gerade so lange um es bewusst aufnehmen zu können. Nur eine Vorahnung auf den darauf folgenden Tag, den Samstag. Was für ein Wetter. Blau, die Berge weiß, der Wind eiskalt im Gesicht, an den Händen, brennend. Die Handschuhe fehlen. Hin und her, am Fluss entlang, durch Feld, zurück, durch Wald an den See. Auf der Bank den Blick genießen. Die Sonne auf der Haut erahnen. Noch ist sie zu schwach um zu wärmen. Dann, frei. Der Tag steht vor einem wie ein weißes Tuch. Nicht nur der Tag, die Zeit selbst. Liegt. Liegt vor mir wie ein weißes Tuch, leicht wellend im Wind, weiß. Diese Woche war gut. Diese Woche hat gut angefangen. Nach einem Tag im Bett, ist jetzt das Gefühl des angekommen seins, da. Raum und Platz sind nicht mehr fern und fremd sondern umgeben mich, ganz. Leute werden zu Personen mit Geschichten, Leute werden zu Erfahrungen, zu Geschichten. Sie bilden einen Kreis, ein Netz in das Tuch der Zeit. Dass sich die Zeit nicht mehr endlos vor einem ausstreckt, unbemalt, ungefüllt, einladend einfach nur Zeit zu sein. Nun ist es bunt. Bunt voll Dinge zu entdecken, erleben, mitnehmen. Melodien tauchen im Geist auf und begleiten die Farben die vor mir liegen.











Photography by ©Rahel Gysel

Donnerstag, 4. Februar 2016

Ittigen


Herr L. hat Werkunterricht in der 6. Klasse. Die Werkräume sind im dazugehörigem Bauhernhaus. In diesem sind heute alle Werkräume, um Stein, Holz oder anderes, zu bearbeiten. Als erstes werden Holzbalken an den Werktischen befestigt. Herr L. zeigt, wie sie einen Nagel einschlagen sollen und wie sie diesen wieder herausziehen können. Jeder SuS soll dies üben. Es gibt einen kleinen Wettkampf wer am wenigsten Schläge braucht. Während die SuS dies üben, gehe ich in den anderen Werkraum. Hier sind die Oberstufenklässler und jeder macht seine Gitarre! Ich kann es kaum glauben. Da sitzen sie an Werktischen mit Gitarrenkörpern, schmirgeln, sägen, kleben. Einige machen E-Gitarren, die meisten aber Akustische. Die Gitarren sind wunderschön. Sie haben alles selber. Im Werkraum stehen auch Lampen von Schülern und andere Dinge. Nach dem ich mich mit einer Schülerin unterhalten habe und sie ein paar Dinge zum Gitarrenbau gefragt habe, gehe ich wieder in den anderen Werksaal. Herr L. sagt, unser Gast muss jetzt noch einen Nagel einschlagen. Ich schaffe es mit 12 Schlägen. Der beste hat es mit 8 geschafft, und die meisten Schläge lagen über 30.  An einem Tisch zeigt Herr L. wie man gerade sägen kann. Mit einem rechten Winkel zeichnet er eine Linie auf alle vier Seiten der Holzstange. Dann sägt er eine Fläche ein, dreht das Holz und sägt ganz durch. Die markierte Stelle dient als Spur um gerade zu sägen. Nun holt jeder sein Stück Holz und arbeitet an seinem Klüpfel weiter. Herr L. gibt mir ein Stück Holz damit ich dies auch bearbeiten kann. Zu erst muss ich das Holz runden, zylinderförmig. Dies mache ich mit einem Stecheisen und einem Klüpfel. Mit zweiterem schlage ich auf das Stecheisen um so Holzscheite abzuheben. Wir arbeiten bis 15.30 Uhr an unseren Klüpfeln. Dann räumen wir auf. Erst werden alle Werkzeuge weggebracht, jeder bringt seinen Klüpfel ins Regal und dann wird der Besen gefegt und alle Holzstücke und Holzspäne wird weggeräumt.


Photography by ©Rahel Gysel

Freitag, 8. Januar 2016

Heidelberg

Ich wollte heute vom Schloss aus, durch die Innenstadt und mir die verschiedenen Kirchen, Plätze, usw., anschauen. Doch als wir morgens früh von der Jugendherberge losliefen, sahen wir, dass der Himmel strahlend blau war und die Sonne schon bald über die Berge kommen würde. So entschlossen wir, am Neckar, entlang der Uferstrasse, über die Theodor-Heusser-Brücke am anderen Neckarufer, über den Neckarstaden bis zur Karl-Theodor Brücke (alte Brücke), zu laufen. Als wir an der Grasfläche, bei der Unterstrasse, entlang liefen, konnten wir die vielen Gänse beobachten die sich dort aufhielten. Wir blieben stehen und beobachteten sie. Eine Gans kam auf uns zu und dann wurde diese von einer anderen angegriffen. Sehr schaulustig. Wir liefen weiter bis zur Theodor-Heuss Brücke, über den Neckarstaden bis wir zur Stadhalle/Kongressezentrum kamen. Hier werden auch Events organisiert, deshalb auch der Name Kongresszentrum, bzw, man kann die Säle mieten um dort ein Event zu feiern. Gegenüber vom Kongresszentrum ist der "Hafen", bzw, Schiffsanlegestelle. Von hier aus kann man Rundfahrten auf dem Neckar machen. Doch wir wollten weiter uns den Marstall anschauen. Soweit wir verstanden haben, ist dies der ehemalige Stall in dem die Pferde ihr zu Hause hatten. Wir konnten die "alte Brücke" schon sehen, doch wir hielten noch bei der Skulptur an, die vor dem Brückentor auf linker Seite ist und unter dem Namen Der Affe bekannt ist. In Wikipedia erhält man folgende Basisinfo zur Brücke: “Die Karl-Theodor-Brücke, besser bekannt als Alte Brücke, ist eine Brücke über den Neckar in Heidelberg. Sie verbindet die Altstadt mit dem gegenüberliegenden Neckarufer am östlichen Ende des Stadtteils Neuenheim. Die Alte Brücke aus Neckartäler Sandstein wurde 1788 unter Kurfürst Karl Theodor als insgesamt neunte Brücke an dieser Stelle errichtet. Heute gehört sie zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Heidelbergs.” Zum Affen steht in Wikipedia “Am ehemaligen nördlichen Brückenturm war ab dem frühen 17. Jahrhundert das Relief eines Affen angebracht, der sich ans Hinterteil fasste und sich gleichzeitig einen Spiegel vorhielt. Dieses Motiv geht ikonografisch vermutlich auf einen älteren Stadtaffen zurück, der sich an anderer Stelle der Stadt befunden hatte.” Eigentlich wollte ich weiter zum Schloss. Doch da dies nicht mein erster Heidelberg Besuch ist und ich bei jedem Besuch zum Schloss ging, hatte ich mehr Lust den Philosophenweg kennen zu lernen. Da sich das Wetter anbot, gingen wir also über die "alte Brücke", genossen den Blick auf das Schloss und die Berge auf beiden Seiten des Neckar’s. Über den Schlangenweg gelangen wir auf den Philosophenweg. Dieser Schlangenweg beeindruckte mich sehr. Ein kleines Gässchen das am Berg entlang sich einen Weg sucht. Mit Treppchen, Aussichtspunkten, Moos bewachsene Steine. Weiter gingen wir zur Hölderlinanlage. Hier konnten wir die erste Strophe des Gedichtes “Ode an Heidelberg” lesen. Diese Strophe beschreibt die Liebe zur Stadt Heidelberg:

Lange lieb ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,
Mutter nennen und dir schenken ein kunstlos Lied,
Du, der Vaterlandsstädte
Ländlichschönste, so viel ich sah.

Anschließend kamen wir zur Odenwälderhütte. Diese war jedoch eher langweilig, eine offene Hütte zum rasten, nichts besonderes. Wir bogen auf den Brandplattenweg und dann zur Meriankanzel. Hier konnten wir auf die gegenüberliegende Seite des Neckars blicken, doch die Sonne blendete uns etwas. Es gab auch eine Tafel auf der eine Photographie befestigt war, auf der Heidelberg vor einem Brand, bzw, Zerstörung, zu sehen war. Wir kamen auf den oberen Brandplattenweg und liefen zum Aussichtsturmweg bis wir zur Strasse kamen und bis zum Heidenloch liefen. Wir waren sehr gespannt, was dies wohl sei. Als wir da waren, konnten wir ein rundes Dächchen ausmachen in dem ein verdecktes Loch zu vermuten war. Wie wir auf der Informationstafel lesen konnten, hieß es, die Heiden hätten diese Löcher gegraben und der Teufel lebe dort. Was uns jedoch mehr beeindruckte, war der Turm den wir etwas weiter erblickten. Die Ruine des Stephansklosters auf dem Heiligenberg. Eine Steintafel informiert über das Baujahr: 1094. Vor sehr langer Zeit. Erst liefen wir über die Ruine. Die ehemalige "Kirche" und durch die anderen "Räume". Zum Schluss noch auf den Turm. Hier hatten wir eine herrliche Aussicht. Die Sonne stand schon etwas höher und blendete uns nicht mehr so stark. Wir konnten das Schloss und die Umgebung gut erkennen. Da es schon bald Mittagszeit war und wir zur Jugendherberge zurück wollten, liefen wir über den Heiligenbergweg zurück. Wir kamen noch beim Fuchsrondell vorbei von wo wir eine Aussicht auf andere Gebirge Heidelbergs hatten: Neuenheim, Bergheim, Wieblingen. Weiter ging es über den Brandplattenweg, dem Oberen Philosophenweg bis zur Bismarcksäule, ein Denkmal geschützter Aussichtsturm. Der Weg führte uns am Philosophengärtchen vorbei. Doch da Winter ist, war nicht viel zu sehen. Einige Bäume waren eingewickelt um sie vor der Kälte zu schützen. Über den Philosophenweg gingen wir weiter bis auf die Ladenburgerstrasse. Dort trafen wir, an der Kreuzung Lutherstrasse, auf eine kleine mittelalterliche Kirche. Wir wissen nicht genau ob diese aus dem Mittelalter stammt. Aber sie sieht so aus. Sehr klein stand sie dort auf dem Marktplatz. Wir liefen weiter bis zur Jahnstrasse, über die Berliner Strasse zurück zur Jugendherberge. Fazit: Wir lernten mehrere Merkmale Heidelbergs kennen und den wunderschönen Waldweg am Michelsberg. Ein sehr schöner Tag.