http://www.condor.cl/titelblatt/bilder-im-licht-gottes/16844.html
Über den eigenen Bruder zu schreiben, ist schon eine tolle
Sache. Nicht nur, weil man den Weg teilweise mitgegangen, mitgestaltet,
mitgeeifert, mitgefeiert hat und so auch ein bisschen Teil des
Werdeganges ist. Sondern weil man eben stolz auf einen großen Bruder
ist, der den Weg zum Künstler gewagt hat und nun das Haus als
Kalenderlagerhalle nutzt.
Von Rahel Gysel
Es gibt Kinder, die wissen schon sehr früh, welchen Beruf sie einmal
ausüben wollen. Und, 25 Jahre später tun sie dies auch. Davids Interesse
an der Fotografie entwickelte sich schon von klein auf. Doch als
Photograph sich den Lebensunterhalt zu verdienen, dies stellte er sich
nicht vor. Eher als Formel-1-Pilot, neben Schumacher zu fahren, oder
Pilot der Lüfte zu werden. Aber die komplette Fotoausrüstung, die der
Vater vom Schwager bekam, war dann doch die größere Attraktion.
Die ersten Schnappschüsse entstanden, und der Spaß war auch dabei, bis
es schließlich zur Teilnahme an der Foto AG der Deutschen Schule
Santiago kam. Frau Jösch fragte, ob er sich denn vorstellen könne, die
Fotografie als Beruf zu wählen? Und schon machte man sich Gedanken.
Fotografie wird überall gebraucht, es ist abwechslungsreich. Wenn ich
die Natur, die Landschaften fotografiere, kann ich viel draußen sein.
Blumen, Sport, Theater, Porträts. All diese Dinge fotografierte David
während seiner Schulzeit. Momentan arbeitet er an einem Projekt der
Lutherischen Kirche, ILCH, um die Kirchen, Gemeinden und Menschen in
Fotos festzuhalten. Bei einem seiner Aufträge von Ultramar wurde sogar
ein Kindheitstraum erfüllt: Er durfte selber die Kontrolle über den
Flieger übernehmen. Die erste von – vielleicht – noch mehr Flugstunden.
Seit einigen Jahren arbeitet er mit einem schweizer-deutschen
Fotoreisebüro, da geht es zwei, drei Wochen lang durch Patagonien oder
wie im vergangenen Jahr durch Peru, Bolivien und den Norden Chiles.
Wieder war die Faszination da, wie abwechslungsreich die Fotografie doch
ist. Städte, Personen, Landschaften, Tiere haben alle verschiedene
Eigenschaften, Farben, Formen, die von der Linse eingefangen werden, die
berücksichtigt werden wollen. Dabei lernt man auch viel, nicht nur das
fotografische Auge wird geschult, sondern eben auch Dinge über das
Subjekt, das eingerahmt wird.

Als ich David fragte, ob es ein Erlebnis gibt, das er besonders in
Gedanken trägt, sprach er von einem gemeinsamen Ausflug in den
Nationalpark Conguillio bei Temuco, zum 21. Mai 2013. Als wir am
Mittwoch losfuhren, war die Wettervorhersage nicht besonders
vielversprechend. Regen bis zum Freitag. Wenn man mit dem Zelt unterwegs
ist, sind drei Tage Regen nicht gerade angenehm. Aber die ersten Tage
konnten wir trotzdem den Park auskundschaften, etwas herumwandern und
uns eine Vorstellung davon machen, wie es wohl ohne Wolken aussehen
würde.
Morgens, wenn wir aus dem Zelt traten, war es eiskalt. Das Wasser auf
dem Zelt war gefroren. David war froh, dass er seine kleine Schwester
als, ich zitiere, «geduldigen Begleiter» mit dabei hatte. Wir warteten
am letzten Tag auf die «blaue Stunde», um den Vulkan bei gutem Licht,
aber ohne Schatten, fotografieren zu können. Bevor die Sonne also über
die Anden blickte, standen wir schon auf unseren verfrorenen Füßen.
Endlich, der lang ersehnte Moment war doch gekommen. Das Farbspiel, die
sich verziehenden Wolken, die Schatten, die Luft. Es war etwas
Besonderes, die Natur so miterleben zu können. Das, auf was wir gewartet
hatten, war eingetroffen.
Begeben wir uns nochmal zurück, um die Karriere zum Fotografen noch
einmal genauer zu betrachten. Ganz so einfach war die Entscheidung doch
nicht. Nach dem Schulabschluss, 1999, studierte er Groß- und
Außenhandelskaufmann am Insalco, bei Bayer die dazugehörige Lehre. Die
Karriere war abgesichert. Jeden Monat das Gehalt auf dem Bankkonto,
regelmäßig und konstant.
Doch die Fotografie: Wer weiß, ob ich das Ding zum Profi habe, dachte er
sich. Auch wenn er bei einem Schulfotowettbewerb den ersten Platz
erhielt – ist dies ausreichend? Naja, Norbert Seebach saß mit in der
Jury, von daher… Aber dann doch erst Insalco. Etwas Festes unter den
Füßen, falls es doch nichts wird.
Bald wurden die Wände jedoch zu eng und der Entschluss, Fotografie zu
studieren, die Weite der Natur kennen zu lernen, waren verlockender als
der Zigarettenrauch im Büro. New York Institute of Photography, 2003 bis
2005, hier studierte David im Fernstudium – mit Kassetten, VHS und
Postversand. Derweilen als Reiseleiter bei Viventura jobben und, mit 21
Jahren, das Land durchreisen, San Pedro bis Patagonien durch die Linse
beschauen.
Privat ist er auch auf Entdeckungsreise gegangen. Dieses Mal mit der
großen Schwester, Priska, mit dem Fahrrad durch die blühende Wüste, mit
einem Freund die Carretera Austral herunter und mit dem kleinen Bruder,
Joni, die Seenregion abgefahren, in Chile und Argentinien. Hier
entstanden die Fotos für den ersten Kalender, den David 2004 auf
Fotopapier ausdruckte. So hat sich nicht nur das Design des Kalenders
entwickelt, sondern auch der Fotograf selbst. Sein Auge ist geschult,
nimmt Dinge wahr, die anderen entfallen, nicht nur beim Beobachten der
Natur, sondern auch seiner Mitmenschen. Seine Fotografien strahlen Ruhe
aus, so wie seine Persönlichkeit.
Ein Mensch entwickelt sich bis an sein Lebensende und so möchte auch
David sich weiterentwickeln. Mehr Zeit haben, um Chiles Naturgebiete zu
erforschen, weiterhin mit anderen Fotografen zu reisen und etwas Neues –
das möchte er gerne ausprobieren: Naturvideos.
Abschließend möchte ich mit seinem Leitmotiv enden: «Und Gott sprach: Es
werde Licht! und es ward Licht.» (1.Mose 1:3). Seine Bilder sollen bei
den Betrachtern Emotionen und Gefühle hervorrufen sowie die Lust wecken
diesen Ort kennen zu lernen, selber zu entdecken, die Natur mitschützen
zu wollen. Er möchte zum Nachdenken anregen, wie sind diese Berge
entstanden, wie die Wälder? Er möchte den Menschen, wenn sie auf seinen
Kalender blicken, eine Ruhepause im Arbeitsalltag schenken. Er möchte
die schönen Dinge fotografieren, sagt David. Denn schlechte Nachrichten
werden schon zu viel verbreitet.
Info: Die Kalender von David Gysel sind in der Librería Antártica und
Feria Chilena del Libro erhältlich. Mehr Information auf der
Internetseite
www.chiledesconocido.cl.
Die Bilder jedes Kalenders können auch als signierter Kunstdruck, in begrenzter Auflage von 50 Stück, erstanden werden.
E-Mail:
fotografo@chiledesconocido.cl