Mittwoch, 10. August 2016

Zurück in die Heimat





Noch dreißig Tage. Dreißig Tage und dieses Kapitel ist durchgelebt.
Viereinhalb Monate. Viereinhalb Monate in einer neuen Stadt, Kultur, Umgebung. Einer Stadt in der ich niemanden kannte.
Eine Stadt, in der mein Blick nur das sah, was auch da war.


Der erste Eindruck war trist. Es war grau. Und es schneite. Es schneite viel. Schon die Zugfahrt hatte dieses "in-einem-Tunnel-fahren-Gefühl” in sich. Von der herrlichen Aussicht auf die Schweizer Alpen, hinein in eine verhängte Bergwelt. Kleine Flocken. Tannen auf den Bergen im weißen Mantel. Große Schneeflocken. Sehr große Schneeflocken. Das Licht am Himmel nahm ab, das weiß wurde zum grau, zum schwarz. Nur das Licht erleuchtete die Schneeflocken. Die vier ersten Tage waren grau. Nebel, Regen, Schnee. Und wieder Nebel. Aber dann, am Freitag, ein Stückchen blauer Himmel.


Nur eine kleines Fenster zwischen grauen Wolken.
Nur wenige Minuten; genügend um es bewusst aufnehmen zu können.
Nur eine Vorahnung auf den darauf folgenden Tag, den Samstag.


Was für ein Wetter. Blau, die Berge weiß, der Wind eiskalt im Gesicht, an den Händen, brennend. Die Handschuhe fehlen. Mit dem Radl Hin und Her, am Fluss entlang, durch Felder, zurück, durch den Wald an den See. Auf der Bank den Blick genießen. Die Sonne auf der Haut erahnen. Noch ist sie zu schwach um zu wärmen. Dann, frei. Der Tag dehnt sich wie ein weißes Tuch vor mir aus. Nicht nur der Tag, die Zeit selbst. Liegt. Liegt vor mir wie ein weißes Tuch, leicht wellend im Wind. Weiß. Unbemalt. Viel Zeit. Zu viel Zeit.


Ich bin endlich angekommen. Nach zwei Wochen. Raum und Platz sind nicht mehr fern und fremd sondern umgeben mich, ganz. Leute werden zu Personen mit Gesichtern, mit Namen. Sie bilden ein Netz in das Tuch der Zeit, füllen die Zeit mit Liebe aus. So dass sich die Zeit nicht mehr endlos vor einem ausstreckt, unbemalt, ungefüllt. Nun ist es bunt. Voll Dinge zu entdecken, erleben, mitzunehmen.


Klagenfurt ist mir ans Herz gewachsen. Die Erwartung, jedes Wochenende ein anderes Land zu bereisen, überwunden.
Lieber hier bleiben. Lieber die Stadt, die Berge, den Wald, den See erkundschaften. Lieber die Zeit in Beziehungen investieren. Konzerte besuchen. Spaziergänge machen. Abends unter der untergehenden Sonne. Wenn die Fledermäuse ausfliegen, die Mücken tanzen, der Fluss rauscht, die Wolken sich färben, der Vollmond hinter dem Zwanzgerberg erscheint.


Lieber raus aus der Studentenküche, am Wochenende, wenn der Müll sich anhäuft, auf dem Boden, um den Mülleimer. Wenn die Essensüberbleibsel auf den Herdplatten anbrennen, die Füße auf dem Boden ankleben.
Besser raus in den Park, an den See und da, auf einer Decke im Park, ein Picknick geniessen.


Woche und Wochenende verschwimmen vor meinem Auge und sind kaum mehr auseinanderzuhalten. Ein Ausflug hierhin, ein Ausflug dorthin.


Einen Abstecher in die Schweiz, zu meiner Familie.
Einen Abstecher nach Deutschland, zu meiner Familie.


Zwischendurch Seminare, zwei Tage frei, drei Tage Seminare, wieder frei. Kein fester Stundenplan. Jede Woche überrascht mich mit einer neuen Zeiteinteilung und trotz der 19 Seminare bleibt Zeit für anderes. Manche Seminare bestehen aus nur vier Sitzungen, andere aus 18. Manche sind zwei Mal die Woche - manche alle zwei Wochen. Eine ungewohnte Unruhe schleicht sich in die sonnst erkennbaren Wochentage.
Sowieso.
Ich bin im Ausland.
Die Zeit läuft. Exponentiell. Schneller.


Noch zwei Wochen. Noch zwei Wochen Zeit mit meiner Zimmermitbewohnerin. Noch zwei Wochen Zeit mit meinen liebgewonnenen Klagenfurtern. Noch zwei Wochen Zeit um die Beziehungen zu festigen, noch zwei Wochen Zeit bis zum Abschied, bis zum “Auf bald”, bis zur letzten Umarmung. Noch zwei Wochen Zeit. Der Abschied beginnt.



Noch dreißig Tage. Dreißig Tage und dieses Kapitel ist durchgelebt.
Viereinhalb Monate.
Viereinhalb Monate war ich in einer neuen Stadt, Kultur, Umgebung.
Einer Stadt in der ich Menschen kenne.
Eine Stadt, in der mein Blick das sieht, was mir geschenkt wurde.

Mittwoch, 25. Mai 2016

Time

You only live once. Yes, it is true.
We only live once. So let’s make the most of it. Let’s seize the day.
Let’s make the most out of every minute.
Let’s take every chance. Let’s make every chance!
Let’s make every chance so we don’t miss a thing.
Let’s do everything, we don’t want to miss out.
We don’t want to miss a thing this world has to offer.
We do not get another chance.


Are you sure?
Are you sure you want to live by this?


Yes. I only live once. I want to do it right. I want to enjoy every minute, I want to feel the rain in my face, I want to sit down, and watch. Watch the birds, watch the sun, watch the moon rise, watch the cutting raindrops falling through the light of the cars, at night. I want to sit down and stare.


I want to sit and do nothing.
I want to feel the time passing by.
I want to waste time.
I want to waste time, sitting there, on a bench, on a stone, on a trunk, on a field.
I want to stop running.


I only live once.
I don’t want to feel the obligation, that I have to do everything, try everything, drink everything, eat everything, smoke everything, see everything, feel everything, dream everything. I don’t want to run always searching for new things to do.


I only live once.
I want to take time to change. I want to take time to read a book over and over again. I want to take time, to go for a walk, to take the same route over and over again. I want to deepen my relationships. I want to waste time sitting next to each other without saying a word. I want to waste time, singing, praying. I want to be silent. I want to hold my breath. I want to listen. I want to listen to your story. I want to waste time for you.


I want to make the most out of my time.

Mittwoch, 18. Mai 2016

Musik

Hinter mir stehen stolz die großen Riesen.
Bis hinauf in den Himmel scheinen ihre Kronen zu reichen.
So stolz und mächtig stehen sie hier und schauen doch nicht herablassend auf mich.
Ihre kräftigen, kleinen Blätter verschwinden in der Unendlichkeit der Höhe, verschmelzen, verschwimmen.
Der Nebel hängt schwer über dem kalten Regenwald, dringt durch das gewebte Netz der Baumkronen hindurch auf meine verworrenen Haare, auf meine kalte Haut, auf den schon feuchten Waldboden. Er hängt hoch oben im Gipfel des Berges,
verschleiert die Sicht.
Verschleiert die Sicht auf die farbenreiche Pracht der Felsen.
Auf die Steine.
Die Steine und die Felsen, die schon seit Ewigkeiten den Nebel abfangen, ihn bündeln, ihn zur Erde tragen. Langsam hebt sich die Sonne vom Osten in den Norden, durchdringt zaghaft den Nebel, streichelt sanft die dunkelgrünen Blätter. Verwandelt den Nebel in ein warmes Gelb, haucht meine Haut an und verschwindet zaghaft über dem Nebel.
Ich spüre meine Haut. Ich spüre das Ziehen der Haare auf meinen Armen.
Wie diese zu Berge stehen, aufgeweckt von dem kalten Regenwald.
Ich spüre die Zeit der Bäume.
Keine Eile ist in ihrem Wachsen.
Keine Überstürzung.
Keine Angst.
Keine Angst, die Zeit würde nicht ausreichen.


Zum Wachsen.

Mittwoch, 20. April 2016

Herzmlich

Weiterführung zum Text: Klemm, Gertraud (2014): Herzmilch. Graz: Droschl/e-book

Bienen summen um die knallroten Klatschmohnblüten, welche im Hintergarten blühen. Mein Bruder und ich versuchen sie einzufangen. Die Eltern sitzen auf der Terrasse und lassen den Samstagmittag langsam vor sich hin ziehen. Endlich einmal Ruhe. Mein Bruder schnappt sich eine Biene, mit der bloßen Hand fängt er sie. Mama hört einen Schrei. Sie wird wieder grantig sein. Ich laufe an der Hausmauer entlang und verschwinde aus dem Blickfeld meiner Eltern.


Ich stehe vor dem Tor. Die Kletterpflanze sucht sich einen Weg empor und bietet den dicken schwarzen Spinnen ein gutes Versteck. Der Reißverschluss meiner gelb leuchtenden Regenjacke ist kaputt, die kalten Wassertropfen laufen mir in den Nacken. Mir ist kalt, meine Hände sind gerötet und neben mir sitzt die Katze. Sie schaut auf, zu mir, wundert sich auf was ich warte. Sie hört ein Rascheln und springt auf, die Mäuse zu fangen, die sie nachher meinen Eltern auf die Terrasse legt. Ein Zeichen ihrer Treue und Dankbarkeit ihnen gegenüber. Mich lässt sie alleine.
Wenn mich jetzt die Mutter findet, dann schneide ich mir die Stirnfransen ab.
Wenn der Kater jetzt wiederkommt, wird mein Bruder sterben.
Ich schäme mich.


Der Vater hat Brötchen mitgebracht. Ausnahmsweise. Der Tag bei der Arbeit lief gut. Er ist gut gelaunt und heute essen wir gemeinsam Abendbrot. Die kohlrabenschwarzen Kürbiskerne auf den Brötchen knacken, wenn man auf sie beißt. Der Geschmack ist neu. Noch nie habe ich Kürbiskernbrötchen gegessen.
Mein Kleid riecht nach künstlichem Lavendel. Die Mutter hat ein neues Waschmittel gekauft, das alle alten Erinnerungen auslöscht. Vater erzählt weiter von seinem guten Tag. Aber niemand hört ihm zu. Die Mutter ist grantig. Der Großvater ist am Telefon. Wir schlagen uns gegenseitig unter dem Tisch die Füße und Beine und unterdrücken unser Lachen. Vater und Mutter bemerken nichts von unserem Spiel, von unserem hin und her, welches von der langen gelb-braun-karierten Tischdecke verdeckt wird.
Die Mutter ist in Eile. Es ist spät. Der Vater hat Schuld, dass wir wieder spät ins Bett kommen. Zu wenig Schlaf tut uns nicht gut. Wir müssen schlafen, damit wir schlau werden. Damit wir wachsen und gesund und Alt wie Großvater werden. Vielleicht bekommen wir dann auch die schönen Himbeeren zu essen. Vielleicht werden die schönsten und saftigsten für uns aufgehoben. Vielleicht schäme ich mich dann nicht mehr. Vielleicht habe ich mich dann schon oft genug etwas anderem gewidmet und habe den Scham so überlisten können. Vielleicht meint der Scham dann immer noch mich zu bemächtigen, vielleicht meint er immer noch tief in meinem Bauch zu wohnen. Vielleicht meint er immer noch aus dem Schlund zu krabbeln und meine Gedanken zu besetzen.


Amseln sitzen auf der feuchten gelbgrünen Wiese, auf die ich von meinem Zimmer aus blicken kann. Wenn sie mich sehen, sind sie sicher verschreckt. Eine hat einen Wurm gesehen der, vom Regen angelockt, sich hinausgewagt hat. Sein langer Körper liegt da, bloßgestellt, wartend nur verschlungen zu werden. Einmal habe ich einen Wurm gegessen. Es war ein warmer Tag. Würmer wachsen nach, sagt man. Bei mir blieb der halbe Wurm aber nur leblos im Gras liegen. Ich schämte mich.


Ich wachse auf in den Pausen meiner Eltern. Ich laufe neben dem Leben der Eltern her. Die warten nicht, bis ich mir alles ganz genau angesehen habe. Die ziehen mich weiter.


Ich möchte gerne wissen, wie das ist wenn die Welt sich verändert. Wenn alle zum selben Zeitpunkt entscheiden, man schaffe es zu nichts. Wenn der eigene Körper zu groß, zu klein, zu tollpatschig wird. Ich möchte gerne wissen wie sich die Schuhe der Mutter an den Füßen anfühlen. Die schwarzen mit den hohen Absätzen die sie nur anzieht, wenn es etwas ganz Besonderes gibt. Nicht für meinen Bruder und mich. Für Vater oder für Freunde. Wenn wir daheim bleiben bei den Tanten. Ich möchte wissen, wie es ist, sich die Haare selber zu schneiden. Ich möchte wissen, wie es ist, selber zu entscheiden wann ich in Eile bin und wann in Ruhe. Ich möchte die Mutter fragen, wann sie zum ersten Mal die Käfer im Garten nicht mehr interessant fand.


Montag, 29. Februar 2016

Neue Berge

Der erste Eindruck war trist. Es schneite. Es schneite sehr viel. Schon die Zugfahrt hatte dieses "in einen Tunnel fahren" Gefühl in sich. Von der herrlichen Aussicht auf die Schweizer Alpen, weiter durch die Berge, etwas verschneit, dann etwas am schneien. Kleine Flocken die sacht zur Erde gleiten. Die Tannen auf den Bergen halten den weißen Mantel um sich, große Schneeflocken. Sehr große Schneeflocken. Das Licht am Himmel nahm ab, das weiß wurde zum grau, zum schwarz. Nur das Licht erleuchtet die Schneeflocken. Die vier ersten Tage waren grau, regnerisch, schneierisch, grauerisch. Aber dann, Freitag, ein Stückchen blauer Himmel. Nur wenig Minuten, gerade so lange um es bewusst aufnehmen zu können. Nur eine Vorahnung auf den darauf folgenden Tag, den Samstag. Was für ein Wetter. Blau, die Berge weiß, der Wind eiskalt im Gesicht, an den Händen, brennend. Die Handschuhe fehlen. Hin und her, am Fluss entlang, durch Feld, zurück, durch Wald an den See. Auf der Bank den Blick genießen. Die Sonne auf der Haut erahnen. Noch ist sie zu schwach um zu wärmen. Dann, frei. Der Tag steht vor einem wie ein weißes Tuch. Nicht nur der Tag, die Zeit selbst. Liegt. Liegt vor mir wie ein weißes Tuch, leicht wellend im Wind, weiß. Diese Woche war gut. Diese Woche hat gut angefangen. Nach einem Tag im Bett, ist jetzt das Gefühl des angekommen seins, da. Raum und Platz sind nicht mehr fern und fremd sondern umgeben mich, ganz. Leute werden zu Personen mit Geschichten, Leute werden zu Erfahrungen, zu Geschichten. Sie bilden einen Kreis, ein Netz in das Tuch der Zeit. Dass sich die Zeit nicht mehr endlos vor einem ausstreckt, unbemalt, ungefüllt, einladend einfach nur Zeit zu sein. Nun ist es bunt. Bunt voll Dinge zu entdecken, erleben, mitnehmen. Melodien tauchen im Geist auf und begleiten die Farben die vor mir liegen.











Photography by ©Rahel Gysel