Donnerstag, 24. September 2015

Bilder im Licht Gottes

http://www.condor.cl/titelblatt/bilder-im-licht-gottes/16844.html


Über den eigenen Bruder zu schreiben, ist schon eine tolle Sache. Nicht nur, weil man den Weg teilweise mitgegangen, mitgestaltet, mitgeeifert, mitgefeiert hat und so auch ein bisschen Teil des Werdeganges ist. Sondern weil man eben stolz auf einen großen Bruder ist, der den Weg zum Künstler gewagt hat und nun das Haus als Kalenderlagerhalle nutzt. 
  
Von Rahel Gysel
Es gibt Kinder, die wissen schon sehr früh, welchen Beruf sie einmal ausüben wollen. Und, 25 Jahre später tun sie dies auch. Davids Interesse an der Fotografie entwickelte sich schon von klein auf. Doch als Photograph sich den Lebensunterhalt zu verdienen, dies stellte er sich nicht vor. Eher als Formel-1-Pilot, neben Schumacher zu fahren, oder Pilot der Lüfte zu werden. Aber die komplette Fotoausrüstung, die der Vater vom Schwager bekam, war dann doch die größere Attraktion.
Die ersten Schnappschüsse entstanden, und der Spaß war auch dabei, bis es schließlich zur Teilnahme an der Foto AG der Deutschen Schule Santiago kam. Frau Jösch fragte, ob er sich denn vorstellen könne, die Fotografie als Beruf zu wählen? Und schon machte man sich Gedanken. Fotografie wird überall gebraucht, es ist abwechslungsreich. Wenn ich die Natur, die Landschaften fotografiere, kann ich viel draußen sein.
Blumen, Sport, Theater, Porträts. All diese Dinge fotografierte David während seiner Schulzeit. Momentan arbeitet er an einem Projekt der Lutherischen Kirche, ILCH, um die Kirchen, Gemeinden und Menschen in Fotos festzuhalten. Bei einem seiner Aufträge von Ultramar wurde sogar ein Kindheitstraum erfüllt: Er durfte selber die Kontrolle über den Flieger übernehmen. Die erste von – vielleicht – noch mehr Flugstunden.
Seit einigen Jahren arbeitet er mit einem schweizer-deutschen Fotoreisebüro, da geht es zwei, drei Wochen lang durch Patagonien oder wie im vergangenen Jahr durch Peru, Bolivien und den Norden Chiles. Wieder war die Faszination da, wie abwechslungsreich die Fotografie doch ist. Städte, Personen, Landschaften, Tiere haben alle verschiedene Eigenschaften, Farben, Formen, die von der Linse eingefangen werden, die berücksichtigt werden wollen. Dabei lernt man auch viel, nicht nur das fotografische Auge wird geschult, sondern eben auch Dinge über das Subjekt, das eingerahmt wird.


Als ich David fragte, ob es ein Erlebnis gibt, das er besonders in Gedanken trägt, sprach er von einem gemeinsamen Ausflug in den Nationalpark Conguillio bei Temuco, zum 21. Mai 2013. Als wir am Mittwoch losfuhren, war die Wettervorhersage nicht besonders vielversprechend. Regen bis zum Freitag. Wenn man mit dem Zelt unterwegs ist, sind drei Tage Regen nicht gerade angenehm. Aber die ersten Tage konnten wir trotzdem den Park auskundschaften, etwas herumwandern und uns eine Vorstellung davon machen, wie es wohl ohne Wolken aussehen würde.
Morgens, wenn wir aus dem Zelt traten, war es eiskalt. Das Wasser auf dem Zelt war gefroren. David war froh, dass er seine kleine Schwester als, ich zitiere, «geduldigen Begleiter» mit dabei hatte. Wir warteten am letzten Tag auf die «blaue Stunde», um den Vulkan bei gutem Licht, aber ohne Schatten, fotografieren zu können. Bevor die Sonne also über die Anden blickte, standen wir schon auf unseren verfrorenen Füßen. Endlich, der lang ersehnte Moment war doch gekommen. Das Farbspiel, die sich verziehenden Wolken, die Schatten, die Luft. Es war etwas Besonderes, die Natur so miterleben zu können. Das, auf was wir gewartet hatten, war eingetroffen.
Begeben wir uns nochmal zurück, um die Karriere zum Fotografen noch einmal genauer zu betrachten. Ganz so einfach war die Entscheidung doch nicht. Nach dem Schulabschluss, 1999, studierte er Groß- und Außenhandelskaufmann am Insalco, bei Bayer die dazugehörige Lehre. Die Karriere war abgesichert. Jeden Monat das Gehalt auf dem Bankkonto, regelmäßig und konstant.
Doch die Fotografie: Wer weiß, ob ich das Ding zum Profi habe, dachte er sich. Auch wenn er bei einem Schulfotowettbewerb den ersten Platz erhielt – ist dies ausreichend? Naja, Norbert Seebach saß mit in der Jury, von daher… Aber dann doch erst Insalco. Etwas Festes unter den Füßen, falls es doch nichts wird.
Bald wurden die Wände jedoch zu eng und der Entschluss, Fotografie zu studieren, die Weite der Natur kennen zu lernen, waren verlockender als der Zigarettenrauch im Büro. New York Institute of Photography, 2003 bis 2005, hier studierte David im Fernstudium – mit Kassetten, VHS und Postversand. Derweilen als Reiseleiter bei Viventura jobben und, mit 21 Jahren, das Land durchreisen, San Pedro bis Patagonien durch die Linse beschauen.
Privat ist er auch auf Entdeckungsreise gegangen. Dieses Mal mit der großen Schwester, Priska, mit dem Fahrrad durch die blühende Wüste, mit einem Freund die Carretera Austral herunter und mit dem kleinen Bruder, Joni, die Seenregion abgefahren, in Chile und Argentinien. Hier entstanden die Fotos für den ersten Kalender, den David 2004 auf Fotopapier ausdruckte. So hat sich nicht nur das Design des Kalenders entwickelt, sondern auch der Fotograf selbst. Sein Auge ist geschult, nimmt Dinge wahr, die anderen entfallen, nicht nur beim Beobachten der Natur, sondern auch seiner Mitmenschen. Seine Fotografien strahlen Ruhe aus, so wie seine Persönlichkeit.
Ein Mensch entwickelt sich bis an sein Lebensende und so möchte auch David sich weiterentwickeln. Mehr Zeit haben, um Chiles Naturgebiete zu erforschen, weiterhin mit anderen Fotografen zu reisen und etwas Neues – das möchte er gerne ausprobieren: Naturvideos.
Abschließend möchte ich mit seinem Leitmotiv enden: «Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht.» (1.Mose 1:3). Seine Bilder sollen bei den Betrachtern Emotionen und Gefühle hervorrufen sowie die Lust wecken diesen Ort kennen zu lernen, selber zu entdecken, die Natur mitschützen zu wollen. Er möchte zum Nachdenken anregen, wie sind diese Berge entstanden, wie die Wälder? Er möchte den Menschen, wenn sie auf seinen Kalender blicken, eine Ruhepause im Arbeitsalltag schenken. Er möchte die schönen Dinge fotografieren, sagt David. Denn schlechte Nachrichten werden schon zu viel verbreitet. 


Info: Die Kalender von David Gysel sind in der Librería Antártica und Feria Chilena del Libro erhältlich. Mehr Information auf der Internetseite www.chiledesconocido.cl. 
Die Bilder jedes Kalenders können auch als signierter Kunstdruck, in begrenzter Auflage von 50 Stück, erstanden werden.
E-Mail: fotografo@chiledesconocido.cl

Dienstag, 11. August 2015

Good to be

Try to sleep in my dreams,
the day's gone, right beside me.
I know the shadows of the hours,
no melting to the ground -
but me, myself becoming one. 
Guess there's quite a strong note
blinding fog in the middle of the night.
Since the moment the hours melted,
thoughts have flooded vacant grounds.


I still don't realize
I want to take a new start -
just like the one from the dream between the hours.
I don't recognize myself,
I think like a fish kept hostage in the sea.


My mind is twisted and filled I know,
I seek the way to better stroll,
holding loosely the thaughts
'till they drip flying released,
fickle, lighter then air.


I've got some images sticking to me,
expectations, I know quite well.
Why do we chase fears, trying to win the assur'd race
when we all know that lovin' smile?


I still don't realize
I want to take a new start -
just like the one from the dream between the hours.
I don't recognize myself,
I think like a fish set free in the sea.
   
Now I see, I realize.
I will retake the new start.
Doesn't matter if I am far away from my dreams.
I will be shaped by the light,
I am good to be.

Montag, 6. Juli 2015

Der andere Alltag

http://www.condor.cl/gemeinschaft/alltag/16522.html

Wir sind umgezogen. Das ist für uns als Familie der Anfang eines neuen Lebensabschnittes. Doch auch für euch, liebe Deutsch-Chilenische-Gemeinschaft, bedeutet dies ein Umzug, ein Wechsel, ein Sich-neu-einleben.

Denn wir haben nicht in einem normalen Haus gewohnt. Architektonisch gesehen war es schon ziemlich normal: ein Dach, Wände, Fenster. Unser Haus war aber ein Pfarrhaus. Und dies macht den Unterschied aus zwischen unserem Alltag und dem Alltag in einem «normalen» Haushalt.

Für mich war es eigentlich kein Thema, neben der Kirche zu wohnen. Auch für meine Freunde war das nichts Außergewöhnliches. Wir hatten einen großen Garten, in dem wir spielen, auf Bäume klettern, uns dreckig machen konnten. So habe ich als kleines Mädchen bei den Hochzeiten aus dem Fenster gespäht, um ja nicht den Blick auf die Braut und ihr wunderschönes Kleid zu verpassen.

Nachts ging es heimlich in den großen Garten, bis mein Bruder uns ertappte. «Quién está ahí?», fragte eine Stimme, die den vermeintlichen Einbrecher vom Fenster aus einschüchtern wollte – dabei waren es nur wir zwei Mädels, die hinterm Auto Zuflucht suchten.

Doch diese Erfahrungen hätten auch ein anderes Haus als Bühne haben können. Diese Erlebnisse machen nicht den Unterschied zu einem Pfarrhaus aus. Wohl eher aber die offenen Türen. Und, nein, ich spreche nicht von den Haustüren und Fenstern, die wirklich immer offen waren, um zu lüften oder die warme Luft herein zu lassen. Sondern ich meine diese unsichtbare Tür, dessen Angeln weit offen standen, um Herz und Seele zu stärken. Besuch war ein alltäglicher Bestandteil unseres Lebens. Freunde, Bekannte, Verwandte und auch Unbekannte, die es bald nicht mehr sein würden.

Auch ist meine Beziehung zum Tod – und bitte, dies ist nicht negativ gemeint – anders geworden. Nachts, als Mädchen, dachte ich oft über den Sarg nach, der 40 Meter von mir entfernt in der Kirche ruhte, während ich mich ins Bett kuschelte. Als Kind konnte ich nicht verstehen, was einen verstorbenen Menschen ausmacht, und so ging Mutti mit mir in die Kirche und erklärte mir, warum da jemand liegt. So ist es für mich normal, es bereitet mir keine Angst, nachts in die Kirche zu gehen ohne das Licht anzustellen. Verstorbene sind nicht etwas Fremdes oder gar Mysteriöses.

Lassen Sie mich zum Abschluss noch einen Blick in unseren Pfarrhausalltag werfen, ein ganz normaler Tag. Es ist dunkel, das Telefon klingelt, wir liegen schon im Bett, es muss etwas Wichtiges sein. Ich schlafe ein. Am Morgen die Nachricht, jemand ist verstorben oder liegt im Sterben. Dann geht es los, in die Schule. Doch nehmen wir einmal an, ich sei krank und erlebe den ganzen Tag mit.

Mutti steht in der Küche und kocht. Es klingelt, jemand möchte etwas zu essen. Das Telefon klingelt. Jemand möchte einen Termin zum Gespräch abmachen. Es klingelt, die Person hat immer noch Hunger. Vati kommt nach Hause, und wir können bald essen. Wir sitzen am Tisch, das Telefon klingelt. Wir fangen schon an mit dem Essen. Am Nachmittag klingelt es, jemand bringt etwas vorbei, holt etwas ab, oder möchte in die Kirche zu einer Versammlung. «Deje abierto el portón, por favor.» Es klingelt, «Hola, vengo a la reunión.», «Adelante y ¿puede dejar el portón abierto, por favor?»

Endlich bleibt das Tor offen. Das Telefon klingelt, ich bin alleine. Das Telefon klingelt immer noch. «Aló, Iglesia Luterana?» Bip, bip… aufgehängt. Vati kommt nach der Versammlung nach Hause, in der Hand ein Paket. Jemand hat ihm Schokolade geschenkt. Der Tag ist gerettet.

Dienstag, 30. Juni 2015

Kilómetros has caminado,
inmóvil estan los árboles
nadando hacia el azul del cielo.

Escurriendo las palabras,
saboreas las imágenes impregnada
intacta, los colores.

Otra vez quisieras saber
lo que aprendiste
otra vez quiseras saber.

Galantemente,
intentas disfrutar
a la distancia lo aprendido.

Montag, 25. Mai 2015

In mehreren Welten zu Hause

http://www.condor.cl/titelblatt/mehreren-welten-zu-hause/16206.html
 


Third Culture Kids (TCKs) oder auch Drittkultur-Kinder: So werden in der Soziologie Kinder und Jugendliche bezeichnet, die in einer anderen Kultur aufgewachsen sind als ihre Eltern. Auf Rahel Gysel trifft diese Bezeichnung zu; ihr Vater stammt aus der Schweiz, die Mutter aus Deutschland; doch sie selbst wurde in Chile geboren und lebt hier bis heute. An dieser Stelle schreibt sie über ihre Erfahrungen, erörtert die Frage nach dem Zugehörigkeitsgefühl und kulturelle Unterschiede.


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Rahel Gysel Lenk wurde am 23. März.1990 in Santiago geboren. Sie ging zur Deutschen Schule und machte dort 2007 ihren Abschluss. Anschließend studierte sie Physiotherapie und erhielt 2012 ihren Titel. Derzeitig ist sie Studentin am Lehrerbildungsinstitut. Sie ist ein aktives Mitglied einer Theatergruppe und beschäftigt sich in ihrer Freizeit allgemein mit Kulturthemen, Sprache, Sport und Kirche.


Nein. Es geht in diesem Artikel nicht um Kinder, die in der Dritten Welt aufgewachsen sind. Das heißt, sie können schon dort aufgewachsen sein, aber dies ist nicht das Hauptmerkmal der Third Culture Kids, kurz TCKs genannt. Third Culture Kid ist ein Begriff, der aus dem Englischen stammt und von dem Soziologen-Ehepaar Ruth Hill und John Useem in den 60er Jahren geprägt wurde. Doch was steckt genau hinter diesem Konzept? Was ist diese dritte Kultur? Und was zeichnet diese Kinder aus?

Wir waren wieder in der Schweiz. Heimaturlaub. Nein, mein Vater ist nicht Soldat, sondern Missionar. Alle fünf Jahre durften wir unsere Verwandten und Freunde in Deutschland und in der Schweiz besuchen. Wir saßen, wie so oft, im Wohnzimmer, abends bei der letzten Tasse Tee, bevor meine Gedanken auf Wanderung gehen würden, um eine Antwort zu finden. Es war wieder ein Mal mein Patenonkel, der mich zum Nachdenken brachte mit einer seiner harmlosen Fragen: „Fühlst du dich eher als Chilenin, Deutsche oder Schweizerin?“ Ja, wie sollte ich bloß eine Antwort geben, wenn ich mir noch nie Gedanken über dieses Thema gemacht hatte? Warum sollte ich mich überhaupt als irgendetwas fühlen?

Ein Kind kommt auf die Welt, kommt innerhalb einer Kultur auf die Welt, wird zu einem Teil dieser Kultur. Es wächst und lernt die Gewohnheiten sowie Werte seiner Familie und nimmt diese als eigene auf. Es lernt die Grundregeln der Gesellschaft kennen, verinnerlicht sie und vergisst bald, dass es diese einmal erlernt hat.
Kultur ist also unumgänglich. Kultur ist Teil unserer Entwicklung als Person, Teil der Entwicklung der Gesellschaft, in der wir leben. Sie stärkt unsere Persönlichkeit, gibt uns Sicherheit und Zugehörigkeitsgefühl. Als Kinder erlernen wir sie, ohne uns anzustrengen. Wir sind mitten drin und nehmen alles auf. Als Erwachsene handeln wir nach diesen erlernten Grundannahmen und fühlen uns wohl, wir gehören dazu. Ich weiß, wie ich mich verhalten muss, ich verstehe die Menschen um mich herum, kann ihr handeln korrekt einschätzen, fühle mich im sozialen Umfeld sicher.

Da ich die Deutsche Schule besuchte, hatte ich viel Kontakt mit Deutschen. Es war also nicht komisch abends Janosch oder die Raupe Nimmersatt zu lesen. Wenn wir uns unter Freunden treffen wollten, legten wir den Termin schon zwei bis drei Wochen im Voraus fest. Wir kannten die gleichen Kinderlieder, Kinderbücher, Kinderspiele. Doch während ich zu Hause deutsch sprach, taten das viele andere nicht. Meinen Namen konnten die Leute hier in Chile nicht verstehen, schon gar nicht aussprechen.

Kultur ist nicht nur das, was von außen sichtbar oder hörbar ist. Kultur hat mehr Bereiche, Kultur ist tief in uns verankert. Sie bestimmt nicht nur unseren sozialen Dresscode, unser Verhalten, unsere Sitten, Traditionen oder Wörter. Kultur ist ein System gemeinsamer Grundannahmen, Überzeugungen, Wertvorstellungen und Denkprozesse. Nur diese tieferen Dimensionen schaffen es, eine Gruppe beziehungsweise Gesellschaft zusammenzuhalten.
In diesem Zusammenhang wird auch von Oberflächenkultur und Tiefenkultur gesprochen. Ein Mensch, der in eine für ihn neue Kultur kommt, kann die Oberflächenkultur beobachten und sie erlernen. Aber die Tiefenkultur, die Grundannahmen, Überzeugungen, Wertvorstellungen und Denkprozesse kann man nur schwer durch das Beobachten der Mitmenschen erlernen, geschweige denn verstehen.
Warum ist kulturelles Gleichgewicht, also das fast unbewusste Wissen, wie die Dinge innerhalb einer Gesellschaft laufen, wichtig? Wenn wir in einer Kultur aufgewachsen sind und deren Verhaltensweisen erlernten, so haben wir ein intuitives Gespür dafür, was in einer Situation richtig, humorvoll, angebracht oder unpassend ist.

Mein erster Flug nach Europa war kurz vor meinem zweiten Geburtstag. Als wir in Zürich am Flughafen von den Verwandten abgeholt wurden, verstand ich die Welt nicht mehr. Ich wurde mit „Ciao“ begrüßt. Sollte ich schon wieder umkehren und nach Hause fliegen? Doch dann erklärte mir meine Mama, dass man auf Bärndütsch eben „Ciao“ sagt, wenn man jemanden begrüßt. Also gut. Nicht zurückfliegen. Damals war Europa, in meinem naiven Kindergehirn, ein Land, in dem die Großeltern aller Kinder zu Hause sind. Und es gibt immer Schnee. Langsam merkte ich jedoch, dass viele Klassenkammeraden hier in Chile am Wochenende den Geburtstag des Onkels feierten und sich nicht mit mir treffen konnten. War ich die Einzige die ihre Verwandten in Europa hatte? War Europa gar nicht ein immer Schnee bedecktes Oma-Opa-Land?

Stellen wir uns folgende, uns Condor-Lesern nicht fremde Situation vor. Ein Kind kommt in Chile zur Welt. Seine Eltern: deutsche. Welches ist nun „seine“ Kultur? Die Kultur, die die Eltern ihm zu Hause vermitteln, also die deutsche? Oder die chilenische, die er im Umgang mit chilenischen Bürgern erlernt? Die Antwort: beide zusammen, eine Mischung. Eine neue Kultur mit Wertvorstellungen, Grundannahmen und Verhaltensweisen von beiden Kulturen. Eine dritte Kultur. Ein Kind der Dritten Kultur, ein Third Culture Kid.

Meine Mutter ist Norddeutsche, mein Vater Berner und ich wurde als Deutschschweizerin in Chile geboren. Auch wenn in unserem Land viele deutsche Nachkommen wohnen, so sind diese schon seit mehreren Generationen hier und kennen die chilenische Kultur sehr gut. Der Großteil meiner Freunde gehört zu diesem Kreis. Vor ein paar Jahren hätte ich mich nicht getraut danach zu fragen, wenn ich ein Wort nicht kannte oder eine Redewendung auf Spanisch nicht verstand. Doch heute frage ich nach oder schaue unverständlich meinen Gesprächspartner an und dieser schmunzelt nur, denn er weiß schon, um was es geht. Ich habe wieder ein Mal den „dicho“ nicht verstanden. Oft fällt mir in Gesprächen das Wort erst auf Deutsch ein und erst nachdem ich es auf Deutsch ausgesprochen habe, fällt es mir auf Spanisch ein. Gefragt habe ich noch nie, ob dies beim Gesprächspartner irgendwie hochnäsig ankommt, so nach dem Motto: „Hey, hör mal, ich kann eine andere Sprache super sprechen.“

Warum aber gibt es überhaupt einen Begriff dafür, warum ist es wichtig diese neu entstehende Kultur von den beiden anderen zu unterscheiden? Das Soziologen-Ehepaar Useem hat bei Menschen psychologische Veränderungen beobachtet, die während ihrer Auslandsaufenthalte kulturübergreifende Erfahrungen machten. Heute reist man viel, man kennt sich aus in der Welt, fühlt sich überall zu Hause. Aber man hat dennoch sein zu Hause, seine Kultur.
Bei TCKs ist dies anders. Denn sie haben diese kulturübergreifenden Erfahrungen während ihrer Entwicklungsjahre gemacht. Das heißt, während sie ihre Identität in einer Kultur festigten, wechselten sie die Kultur. Sie müssen sich nun im Dschungel der Gastkultur zurechtfinden.

Uhrzeiten und das Wort meiner Eltern sind immer eine klare Sache. Abmachungen werden eingehalten, Uhrzeiten auch. Plötzlich musste ich lernen, dass mit der Zusage „Wir treffen uns um 19 Uhr“ eigentlich gar nicht 19 Uhr gemeint war. Für mich ist das heutzutage noch ziemlich unverständlich. In meiner Gehirnstruktur läuft das nämlich anders ab: 19 Uhr ist 19 Uhr und nicht 20 Minuten später. Wenigstens habe ich gelernt die Verspätungen nicht persönlich zu nehmen. Obwohl es mich doch ziemlich nervt.

In dieser neuen Kultur gibt es unterschiedliche soziale Kreise, in denen die TCKs die Gastkultur aufnehmen und erlernen. In der Schule haben sie Kontakt zu Gleichaltrigen und Lehrern. Hier färbt sich das Verhalten der Mitschüler auf das Kind zwar ab, doch diese neuen sozialen Kompetenzen können gegenüber der eigenen Kultur sehr fremd sein. Der Lehrer vermittelt die Werte der Gastkultur an das Kind und das Grundwissen im Umgang mit den Anderen. Zu Hause sind die Eltern immer noch die Eltern. Sie korrigieren, Loben nach ihren Wertvorstellungen. Sie leben nach ihren Wertvorstellungen und sind so ein Beispiel für das Kind. Kinder ahmen ihre Eltern nach. So lernen sie. Wie sollen sie aber verstehen, dass das, was zu Hause als richtig und gut gilt, in der Schule oftmals total daneben ist?

Meistens, wenn ich in einem Gespräch das Wort Flughafen sagen möchte, liegt mir das Wort Friedhof auf den Lippen. Dann muss ich erst kurz überlegen, was ich denn eigentlich sagen wollte, denn das Wort Friedhof passt natürlich nicht in den Sinn des Satzes. Bis ich schlussendlich zum Wort Flughafen komme. Nein, ich habe Friedhöfe nicht gern. Aber ich habe so viele Abschiede an Flughäfen erlebt, dass es naheliegend ist, dass diese beiden Wörter in meinem Sprachzentrum Händchen halten.

Beim Thema TCKs fallen meist einige charakteristische Begriffe: Anpassungsfähigkeit, Beobachtungsfähigkeit, soziale Fähigkeiten sowie Sprachkenntnisse; aber es gibt auch zwei eher negative Merkmale: Wurzellosigkeit und Rastlosigkeit. Da TCKs schon öfter negative Erfahrungen im Sozialen erlebt haben, weil sie etwas sagten und taten, das in ihrer Kultur angebracht ist, in der Gastkultur aber nicht, lernen sie zu beobachten, um sich korrekt verhalten zu können, sie passen sich an die gegenwärtige Umgebung an. Doch da sie den Wohnsitz regelmäßig wechseln oder langen Heimaturlaub haben, haben sie das Gefühl in keinem Land zu Hause zu sein, zu keinem Land 100-prozentig dazu zu gehören. Es entsteht die Sehnsucht weiter zu ziehen, neue Orte kennen zu lernen und bloß nicht ruhig sitzen zu bleiben.

Ich rief ihn zum zweiten Mal an: „Hallo Opa, wie geht es dir?“. Ja, genau so wie gerade eben. Er war völlig verwirrt, dass ich ihn schon wieder fragte, wie es ihm ginge. Dabei hatte ich nur die chilenischen Grußworte übersetzt: „,Hola, ¿cómo estás?“ Das tat ich beim ersten Telefonanruf wie auch jetzt, beim zweiten Anruf – nur zehn Minuten später. Erst da merkte ich den Bedeutungsunterschied dieser Worte hier in Chile und in Deutschland. Hier ist es Teil des Begrüßungsrituals, aber keiner erwartet eine lange Antwort oder eine ehrliche. Wir antworten automatisch „bien, ¿y tú?“, auch wenn man die ganze Nacht durchgeheult und immer noch rote Augen hat. In Deutschland ist diese Frage vom Begrüßungswort getrennt. Wenn man das fragt, so darf man sich die Zeit nehmen dem Anderen zu zuhören, und man sollte die Frage ernst meinen.

Sprachkenntnisse ist die wohl nützlichste Fähigkeit der TCKs. Meistens wachsen sie in einem bilingualen Kontext auf. Zu Hause wird eine Sprache, in der Schule eine andere gesprochen. Sie sind also nicht nur zweisprachig aufgewachsen, sondern es fällt uns auch leichter mit Sprachen um zu gehen. Eine neue Sprache zu erlernen erschrickt uns nicht. Es ist kein unüberwindbarer Mount Everest, dem wir uns stellen müssen, sondern eine schöne Herausforderung. Außerdem öffnet es viele Türen bei einer Jobsuche.

Seitdem ich begonnen habe zu schreiben, gibt es Themen, die ich besser in einer Sprache oder in der anderen ausdrücken kann. Je nach dem, wie ich die Sprache einsetze. Zum Beispiel fällt es mir schwer, auf Spanisch meine Gefühle auszudrücken oder mein Empfinden einer bestimmten Situation gegenüber. Lesen mochte ich nie auf Spanisch. Es strengt mich an und ich lese langsam. Auf Deutsch aber verschlinge ich die Bücher und kann Stunden lang lesen ohne müde zu werden. Und wenn ich Bärndütsch höre, dann schlägt mein Herz höher.

Auch wenn TCKs nachgesagt wird, sie seien unruhige Menschen, denen es häufig nicht klar ist, in welchem Land sie nächstes Jahr sein werden, und die Freunde auf mehreren Kontinenten haben, würde ich mein Leben doch nicht tauschen wollen. Es schmerzt, Geburtstage und Beerdigungen meiner Familie in Deutschland und der Schweiz nicht miterlebt zu haben. Doch das ist Teil meines Lebens. Und ich nehme es dankbar an.