Donnerstag, 24. September 2015

Bilder im Licht Gottes

http://www.condor.cl/titelblatt/bilder-im-licht-gottes/16844.html


Über den eigenen Bruder zu schreiben, ist schon eine tolle Sache. Nicht nur, weil man den Weg teilweise mitgegangen, mitgestaltet, mitgeeifert, mitgefeiert hat und so auch ein bisschen Teil des Werdeganges ist. Sondern weil man eben stolz auf einen großen Bruder ist, der den Weg zum Künstler gewagt hat und nun das Haus als Kalenderlagerhalle nutzt. 
  
Von Rahel Gysel
Es gibt Kinder, die wissen schon sehr früh, welchen Beruf sie einmal ausüben wollen. Und, 25 Jahre später tun sie dies auch. Davids Interesse an der Fotografie entwickelte sich schon von klein auf. Doch als Photograph sich den Lebensunterhalt zu verdienen, dies stellte er sich nicht vor. Eher als Formel-1-Pilot, neben Schumacher zu fahren, oder Pilot der Lüfte zu werden. Aber die komplette Fotoausrüstung, die der Vater vom Schwager bekam, war dann doch die größere Attraktion.
Die ersten Schnappschüsse entstanden, und der Spaß war auch dabei, bis es schließlich zur Teilnahme an der Foto AG der Deutschen Schule Santiago kam. Frau Jösch fragte, ob er sich denn vorstellen könne, die Fotografie als Beruf zu wählen? Und schon machte man sich Gedanken. Fotografie wird überall gebraucht, es ist abwechslungsreich. Wenn ich die Natur, die Landschaften fotografiere, kann ich viel draußen sein.
Blumen, Sport, Theater, Porträts. All diese Dinge fotografierte David während seiner Schulzeit. Momentan arbeitet er an einem Projekt der Lutherischen Kirche, ILCH, um die Kirchen, Gemeinden und Menschen in Fotos festzuhalten. Bei einem seiner Aufträge von Ultramar wurde sogar ein Kindheitstraum erfüllt: Er durfte selber die Kontrolle über den Flieger übernehmen. Die erste von – vielleicht – noch mehr Flugstunden.
Seit einigen Jahren arbeitet er mit einem schweizer-deutschen Fotoreisebüro, da geht es zwei, drei Wochen lang durch Patagonien oder wie im vergangenen Jahr durch Peru, Bolivien und den Norden Chiles. Wieder war die Faszination da, wie abwechslungsreich die Fotografie doch ist. Städte, Personen, Landschaften, Tiere haben alle verschiedene Eigenschaften, Farben, Formen, die von der Linse eingefangen werden, die berücksichtigt werden wollen. Dabei lernt man auch viel, nicht nur das fotografische Auge wird geschult, sondern eben auch Dinge über das Subjekt, das eingerahmt wird.


Als ich David fragte, ob es ein Erlebnis gibt, das er besonders in Gedanken trägt, sprach er von einem gemeinsamen Ausflug in den Nationalpark Conguillio bei Temuco, zum 21. Mai 2013. Als wir am Mittwoch losfuhren, war die Wettervorhersage nicht besonders vielversprechend. Regen bis zum Freitag. Wenn man mit dem Zelt unterwegs ist, sind drei Tage Regen nicht gerade angenehm. Aber die ersten Tage konnten wir trotzdem den Park auskundschaften, etwas herumwandern und uns eine Vorstellung davon machen, wie es wohl ohne Wolken aussehen würde.
Morgens, wenn wir aus dem Zelt traten, war es eiskalt. Das Wasser auf dem Zelt war gefroren. David war froh, dass er seine kleine Schwester als, ich zitiere, «geduldigen Begleiter» mit dabei hatte. Wir warteten am letzten Tag auf die «blaue Stunde», um den Vulkan bei gutem Licht, aber ohne Schatten, fotografieren zu können. Bevor die Sonne also über die Anden blickte, standen wir schon auf unseren verfrorenen Füßen. Endlich, der lang ersehnte Moment war doch gekommen. Das Farbspiel, die sich verziehenden Wolken, die Schatten, die Luft. Es war etwas Besonderes, die Natur so miterleben zu können. Das, auf was wir gewartet hatten, war eingetroffen.
Begeben wir uns nochmal zurück, um die Karriere zum Fotografen noch einmal genauer zu betrachten. Ganz so einfach war die Entscheidung doch nicht. Nach dem Schulabschluss, 1999, studierte er Groß- und Außenhandelskaufmann am Insalco, bei Bayer die dazugehörige Lehre. Die Karriere war abgesichert. Jeden Monat das Gehalt auf dem Bankkonto, regelmäßig und konstant.
Doch die Fotografie: Wer weiß, ob ich das Ding zum Profi habe, dachte er sich. Auch wenn er bei einem Schulfotowettbewerb den ersten Platz erhielt – ist dies ausreichend? Naja, Norbert Seebach saß mit in der Jury, von daher… Aber dann doch erst Insalco. Etwas Festes unter den Füßen, falls es doch nichts wird.
Bald wurden die Wände jedoch zu eng und der Entschluss, Fotografie zu studieren, die Weite der Natur kennen zu lernen, waren verlockender als der Zigarettenrauch im Büro. New York Institute of Photography, 2003 bis 2005, hier studierte David im Fernstudium – mit Kassetten, VHS und Postversand. Derweilen als Reiseleiter bei Viventura jobben und, mit 21 Jahren, das Land durchreisen, San Pedro bis Patagonien durch die Linse beschauen.
Privat ist er auch auf Entdeckungsreise gegangen. Dieses Mal mit der großen Schwester, Priska, mit dem Fahrrad durch die blühende Wüste, mit einem Freund die Carretera Austral herunter und mit dem kleinen Bruder, Joni, die Seenregion abgefahren, in Chile und Argentinien. Hier entstanden die Fotos für den ersten Kalender, den David 2004 auf Fotopapier ausdruckte. So hat sich nicht nur das Design des Kalenders entwickelt, sondern auch der Fotograf selbst. Sein Auge ist geschult, nimmt Dinge wahr, die anderen entfallen, nicht nur beim Beobachten der Natur, sondern auch seiner Mitmenschen. Seine Fotografien strahlen Ruhe aus, so wie seine Persönlichkeit.
Ein Mensch entwickelt sich bis an sein Lebensende und so möchte auch David sich weiterentwickeln. Mehr Zeit haben, um Chiles Naturgebiete zu erforschen, weiterhin mit anderen Fotografen zu reisen und etwas Neues – das möchte er gerne ausprobieren: Naturvideos.
Abschließend möchte ich mit seinem Leitmotiv enden: «Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht.» (1.Mose 1:3). Seine Bilder sollen bei den Betrachtern Emotionen und Gefühle hervorrufen sowie die Lust wecken diesen Ort kennen zu lernen, selber zu entdecken, die Natur mitschützen zu wollen. Er möchte zum Nachdenken anregen, wie sind diese Berge entstanden, wie die Wälder? Er möchte den Menschen, wenn sie auf seinen Kalender blicken, eine Ruhepause im Arbeitsalltag schenken. Er möchte die schönen Dinge fotografieren, sagt David. Denn schlechte Nachrichten werden schon zu viel verbreitet. 


Info: Die Kalender von David Gysel sind in der Librería Antártica und Feria Chilena del Libro erhältlich. Mehr Information auf der Internetseite www.chiledesconocido.cl
Die Bilder jedes Kalenders können auch als signierter Kunstdruck, in begrenzter Auflage von 50 Stück, erstanden werden.
E-Mail: fotografo@chiledesconocido.cl