Montag, 6. Juli 2015

Der andere Alltag

http://www.condor.cl/gemeinschaft/alltag/16522.html

Wir sind umgezogen. Das ist für uns als Familie der Anfang eines neuen Lebensabschnittes. Doch auch für euch, liebe Deutsch-Chilenische-Gemeinschaft, bedeutet dies ein Umzug, ein Wechsel, ein Sich-neu-einleben.

Denn wir haben nicht in einem normalen Haus gewohnt. Architektonisch gesehen war es schon ziemlich normal: ein Dach, Wände, Fenster. Unser Haus war aber ein Pfarrhaus. Und dies macht den Unterschied aus zwischen unserem Alltag und dem Alltag in einem «normalen» Haushalt.

Für mich war es eigentlich kein Thema, neben der Kirche zu wohnen. Auch für meine Freunde war das nichts Außergewöhnliches. Wir hatten einen großen Garten, in dem wir spielen, auf Bäume klettern, uns dreckig machen konnten. So habe ich als kleines Mädchen bei den Hochzeiten aus dem Fenster gespäht, um ja nicht den Blick auf die Braut und ihr wunderschönes Kleid zu verpassen.

Nachts ging es heimlich in den großen Garten, bis mein Bruder uns ertappte. «Quién está ahí?», fragte eine Stimme, die den vermeintlichen Einbrecher vom Fenster aus einschüchtern wollte – dabei waren es nur wir zwei Mädels, die hinterm Auto Zuflucht suchten.

Doch diese Erfahrungen hätten auch ein anderes Haus als Bühne haben können. Diese Erlebnisse machen nicht den Unterschied zu einem Pfarrhaus aus. Wohl eher aber die offenen Türen. Und, nein, ich spreche nicht von den Haustüren und Fenstern, die wirklich immer offen waren, um zu lüften oder die warme Luft herein zu lassen. Sondern ich meine diese unsichtbare Tür, dessen Angeln weit offen standen, um Herz und Seele zu stärken. Besuch war ein alltäglicher Bestandteil unseres Lebens. Freunde, Bekannte, Verwandte und auch Unbekannte, die es bald nicht mehr sein würden.

Auch ist meine Beziehung zum Tod – und bitte, dies ist nicht negativ gemeint – anders geworden. Nachts, als Mädchen, dachte ich oft über den Sarg nach, der 40 Meter von mir entfernt in der Kirche ruhte, während ich mich ins Bett kuschelte. Als Kind konnte ich nicht verstehen, was einen verstorbenen Menschen ausmacht, und so ging Mutti mit mir in die Kirche und erklärte mir, warum da jemand liegt. So ist es für mich normal, es bereitet mir keine Angst, nachts in die Kirche zu gehen ohne das Licht anzustellen. Verstorbene sind nicht etwas Fremdes oder gar Mysteriöses.

Lassen Sie mich zum Abschluss noch einen Blick in unseren Pfarrhausalltag werfen, ein ganz normaler Tag. Es ist dunkel, das Telefon klingelt, wir liegen schon im Bett, es muss etwas Wichtiges sein. Ich schlafe ein. Am Morgen die Nachricht, jemand ist verstorben oder liegt im Sterben. Dann geht es los, in die Schule. Doch nehmen wir einmal an, ich sei krank und erlebe den ganzen Tag mit.

Mutti steht in der Küche und kocht. Es klingelt, jemand möchte etwas zu essen. Das Telefon klingelt. Jemand möchte einen Termin zum Gespräch abmachen. Es klingelt, die Person hat immer noch Hunger. Vati kommt nach Hause, und wir können bald essen. Wir sitzen am Tisch, das Telefon klingelt. Wir fangen schon an mit dem Essen. Am Nachmittag klingelt es, jemand bringt etwas vorbei, holt etwas ab, oder möchte in die Kirche zu einer Versammlung. «Deje abierto el portón, por favor.» Es klingelt, «Hola, vengo a la reunión.», «Adelante y ¿puede dejar el portón abierto, por favor?»

Endlich bleibt das Tor offen. Das Telefon klingelt, ich bin alleine. Das Telefon klingelt immer noch. «Aló, Iglesia Luterana?» Bip, bip… aufgehängt. Vati kommt nach der Versammlung nach Hause, in der Hand ein Paket. Jemand hat ihm Schokolade geschenkt. Der Tag ist gerettet.